Dienstag, 18. Oktober 2016

Die Wochen nach der Eröffnung

Die Woche nach der Eröffnung ist in der Hinsicht auf meine Arbeit und Einsatzstelle in wenigen Worten leicht zusammenzufassen: Scheinbar trägt die offizielle Feier Früchte, denn schon am Montag, als ich pünktlich um 8:30 Uhr wieder bei meiner Einsatzstelle ankam, war unser Krankenpfleger die ersten Patienten am behandeln. Natürlich kann ich jetzt nicht gleich mit Hand anlegen, da ich ohne Ausbildung natürlich keine Spritzen geben oder Infusionen legen kann. Größtenteils waren das aber die Aufgaben unserer Krankenpfleger, denn fast alle Patienten, die zu uns kommen, leiden an Malaria. Ich war leider auch etwas von mir selbst überrascht, als ich bemerkte, dass es mir gar nicht so leicht fällt, direkt neben dem Krankenbett zu stehen, während der Patient Infusion und Spritzen bekommt, vermutlich auch, weil die Patienten größtenteils noch kleine Kinder waren und Togoer generell unter Spritzen und Nadeln sehr leiden. Aber mit der Zeit ist es nun schon besser und ich muss mich nur noch weiter gewöhnen. Die Patienten kamen zufälligerweise immer im fliegenden Wechsel, sodass wir fast ständig etwas zu tun hatten und obwohl ich natürlich nicht sonderlich viel machen konnte, ging die Zeit bereits viel schneller um und es war einfach interessant, bei der Behandlung der Patienten zuzuschauen. So war es im Nu auch schon 13 Uhr und ich hatte die ersten Male meine Arbeitszeit nicht nur mit Warten verbracht, sondern neue Dinge gesehen und erfahren. Leider hielt dieser Zustand nicht stetig an. Ich hatte ein bisschen das Gefühl, dass es mit jedem Tag wieder weniger Patienten wurden, und so waren wir zum Ende der ersten Woche nach der Einweihung und auch in der Woche darauf wieder in etwa an dem Punkt angelangt, wo wir vorher bereits waren und so warteten wir teilweise wieder nur auf ankommende Patienten und mal kam ein Tag einer weniger, mal einer mehr oder auch wieder gar keiner. Die Zeit, in der wir keine Patienten zu behandeln hatten, haben wir aber vor allem in der letzten Woche sinnvoll überbrückt, indem unser Krankenpfleger uns kleine Lektionen gegeben hat, um vor allem mir, aber auch den anderen Mitarbeitern verschiedene Dinge zu erklären. Zum Beispiel kann ich jetzt manuell (also nicht nur mit einem Gerät, das das automatisch erledigt) den Blutdruck messen und in etwa einschätzen, was normal oder nicht normal ist; ich weiß außerdem wie man Spritzen präpariert, die in Pulverform vorliegen und erst noch vorbereitet werden müssen; ich wüsste wie man intravenös (also direkt ins Blut) spritzt; ich wüsste, wie man eine Infusion legt und was man beachten muss und ich weiß mittlerweile in etwa, wie die Malariabehandlung insgesamt so aussieht. Dass ich natürlich noch keine Spritzen gebe oder Infusionen lege, ist ja klar, da ich so ganz ohne Ausbildung und ohne jegliche Erfahrung nach einmal Erklären noch keine Patienten vorgesetzt bekomme, die ich behandeln soll. Augustin (der Krankenpfleger) meinte aber, das würde nach und nach dann auch alles noch kommen. Ich bin sehr gespannt!
An einem Tag in der letzten Woche kamen meine beiden Chefs noch einmal vorbei, um nach dem Rechten zu sehen und sich zu erkundigen, wie es nach der Eröffnung läuft. So tauschten wir uns in großer Runde mit allen Mitarbeitern aus und außerdem wurde noch angekündigt, dass in Zukunft bald ein fester Tag in der Woche ausgemacht wird, an dem nachmittags mit Hilfe der „femmes dynamiques“, der Frauengruppe des Dorfes, Aufklärung in der Umgebung betrieben werden soll. Ich finde das auf jeden Fall ein sehr interessantes Projekt mit guten Absichten und ich glaube, das könnte in der Umgebung bereits einige Missstände beseitigen. Das Projekt wurde bisher nur sehr zaghaft angekündigt und ich bin gespannt, wie lange es noch dauern wird, bis mehr Bewegung ins Spiel kommt, denn ich bin für so etwas auf jeden Fall motiviert! Denn auf der anderen Seite ist die „Trägheit“ – falls man das so bezeichnen kann – auch echt eine meiner größten Sorgen, was meine Einsatzstelle betrifft. Gute Ideen sind von allen Mitarbeitern immer da und auch ich kann meine Vorschläge einbringen, aber so wirklich das Gefühl, dass sich etwas verändert und bewegt, habe ich leider selten. Als wir letzte Woche als WG auch endlich mal unsere Dachterrasse ausgenutzt haben (was wir nämlich viel zu selten machen), haben wir nach einem leckeren Essen noch etwas zusammen gegessen und auch viel über meine Einsatzstelle geredet, über die Sorgen, die ich mir mache, über die Langeweile, die immer noch größtenteils herrscht.

Leckeres Essen bei schöner Atmosphäre auf unserer Dachterrasse (Foto: Cindy)
Von den anderen kamen ebenfalls super Vorschläge und Ideen und auch ich hatte schon eigene Gedanken, aber genau wegen des schleppenden Vorankommens anderer geplanter Projekte in meiner Einsatzstelle habe ich noch etwas Zweifel, dass in absehbarer Zeit überhaupt etwas realisiert wird und außerdem ist es natürlich immer schwer, Projekte von Grund auf neu zu entwickeln und so zu schaffen, dass sie in einem kleinen Dorf auch angenommen werden und sich nach und nach als selbstverständlich und zu meiner festen Aufgabe etablieren. Kurz gesagt sind wie so oft viele Dinge einfacher gesagt, als getan. Ich bin wirklich sehr gespannt, wie das noch weiterlaufen wird und ich muss wahrscheinlich auch selbst noch etwas über meinen Schatten springen und die Eigeninitiative auch wirklich ergreifen, mit meinen Chefs zu sprechen und Sachen auszuprobieren. So viel zu meiner Arbeit!

Ein außerdem nennenswertes Erlebnis war auf jeden Fall der vorletzte Montag, der 3. Oktober. Zum Tag der deutschen Einheit wurden alle deutschen Staatsbürger, die sich in die sogenannte „elefand-Liste“ (Liste zur Krisenvorsorge) beim Auswärtigen Amt eingetragen haben, abends ab 18 Uhr in den Garten der Residenz des deutschen Botschafters eingeladen. Ich glaube es war für alle das erste Mal, den 3. Oktober zu „feiern“, aber diese Einladung nahmen natürlich alle 16 Freiwilligen sehr gerne an und auch die togoischen Jungs hier wollten sich das nicht entgehen lassen, da sie alle schon mindestens einmal am 3. Oktober mit Vorfreiwilligen dort waren und genau wussten, wie cool dieser Abend werden würde! Wir nahmen sie also als unsere Begleitung mit und trafen uns zunächst bei uns zu Hause. Uns wurde bereits vorher von den Jungs gesagt, dass es dort sehr schick sei und man sich dementsprechend kleiden sollte, was übrigens echt mal gut getan hat, wenn man sonst 7 Tage die Woche nur in Schlabberhose und T-Shirt unterwegs ist. Auch die Jungs kamen hier also dementsprechend „aufgemotzt“ bei uns an und so fuhren wir mit ihnen zusammen im Taxi dorthin und wurden am Eingang erst ausführlich kontrolliert, bevor wir den zwei Damen am Empfang unsere Namen sagen mussten, damit sie uns auf der Gästeliste abhaken konnten ( – ja, wir standen offiziell auf einer Gästeliste!!). Anschließend wurden wir am Eingang des Gartens von Christoph Sander, dem Botschafter höchstpersönlich, und seiner Frau sogar per Händeschütteln willkommen geheißen und in den schon gut besuchten Garten eingelassen, in dem schon von einer blinden togoischen Band Musik gespielt wurde. Der Ort an sich war schon schön und zudem noch wirklich toll hergerichtet. Vereinzelt standen Stehtische und Tische mit Stühlen, an die man sich setzen konnte und es war eine Art Bar aufgebaut, an dem deutsche Weine ausgeschenkt wurden, woanders gab es (leider kein deutsches) Bier und außerdem war eine lange Tafel aufgebaut, die wenig später als Buffet diente und echte Leckereien hergab. Zunächst gab es kleinere Teigteilchen und eher Fingerfood als Vorspeise, bevor die warmen Speisen auf den Tisch kamen: Man konnte sich an Fleisch, Würsten, Braten, Sauerkraut, Kartoffelsalat und normalem Salat bedienen, dazu gab es Brot (leider warteten wir vergeblich auf das gute deutsche Schwarzbrot), und zum Nachtisch gab es frische Waffeln! Essen- und Getränketechnisch waren wir an diesem Abend also mehr als versorgt und sogar die (lustigerweise von Franzosen) gesponserte Jägermeister-Bar sorgte für ein weiteres Stückchen Heimat. Natürlich waren wir an diesem Abend längst nicht die einzigen „Yovos“, aber der gesamte Garten war gemischt in Hautfarbe, Nationalität, Alter und Beruf oder Aufgabe in Togo und so kamen so manche interessante Gespräche zustande – vor allem auch mit weiteren Freiwilligen, von denen wir unglaublich viele trafen! Bisher habe ich nur vereinzelt mal einen „Yovo“ durch Lomé ziehen sehen, vor allem nur sehr wenig junge Leute, und so war ich an diesem Abend umso überraschter, wie viele weitere in unserem Alter ihren Freiwilligendienst hier in Lomé, aber auch in Kara, Kpalimé oder Atakpamé absolvieren. Der ein oder andere Schlafplatz bei einem Besuch in einer der Städte und einfach weitere nette Kontakte sind seit diesem Abend also gesichert :) !
Nach dem Essen spielte die Band weiterhin Musik und so gab es für alle die Gelegenheit, ein wenig zu tanzen, sich noch weiter zu unterhalten und für die Kinder (oder eben auch für jung gebliebene Jugendliche), gab es sogar die Möglichkeit, sich auf einer Hüpfburg auszutoben. Alles in allem ein gelungener, lustiger, schöner und heimischer Abend, nach dem wir bedauern, dass der 3. Oktober nicht zufällig alle paar Monate stattfindet…..:)

Die Bilder sind leider auch nicht von bester Qualität, aber zeigen immerhin ein paar Eindrücke: Hier ein guter Überblick über den Garten... (Foto: Patricia)
...hier wurden Getränke ausgeschenkt... (Foto: Patricia)
... und geradeaus gab es Essen und links die Hüpfburg :) (Foto: Patricia)
Beide Wochen verliefen unter der Woche ansonsten recht ruhig und die ganz normale Arbeitsroutine bestimmt mittlerweile unseren Alltag, sodass ich mich immer auf das Wochenende freue, an dem wir viel unternehmen und erleben.
Ein bisschen ist es seit ein paar Wochen zur Tradition geworden, dass ein paar der Jungs freitags abends vorbeikommen, um jede Woche etwas Neues, traditionell Togoisches für alle zu kochen und bei uns bei netten Gesprächen zusammenzusitzen. Vorletzte Woche Freitag kündigten sie an, „Riz créole“ zu kochen, was letztendlich kleingeschnittene, angebratene Spaghetti und Reis mit Gemüse wie Karotten, Kohl und Bohnen war, was zusammen mit einer leckeren tomatigen Sauce serviert wurde und sehr lecker war!

Zusammensitzen bei uns im Flur, während es für alle "Riz créole" gibt. (Foto: Stella)
Die Woche drauf, also vergangenes Wochenende am Freitag kündigten sie „pâte“ an, genauer gesagt „Akoumé“ (denn es gibt ganz viele verschiedene Arten von pâte), eine Art Maisbrei, der mit verschiedenen Saucen serviert wird. Für uns kochten die Jungs zwei, eine vegetarische und eine mit Fisch. Von allem habe ich probiert und auch das war wirklich lecker! War bestimmt auch nicht das letzte Mal, dass ich das hier gegessen habe! Wie schon einmal luden wir an diesem Abend auch die anderen ein und so kamen die anderen WG’s auch vorbei und wir machten uns einen schönen Abend auf unserer Dachterrasse, da uns das diesmal das Wetter gönnte.

Christian serviert uns allen eine große Portion pâte :)
Pâte, besser gesagt "Akoumé" - soooo lecker!
Vorletztes Wochenende war insgesamt noch etwas vollgepackter, denn am Samstag hatten wir volles Programm. Leas Bruder hatte sich angekündigt, da er zurzeit einige Monate in Ghana verbringt und es deswegen ja nicht allzu weit zu uns hat, und so gingen wir alle zusammen an diesem Abend zu einem eintrittsfreien Konzert, das zum Anlass einer Konferenz einiger afrikanischer Regierungschefs für die maritime Sicherheit nicht weit von unserem Haus entfernt veranstaltet wurde. Sogar einige wirklich bekannte Künstler Togos waren an diesem Abend anwesend und sorgten für eine gute Stimmung. Selbst Toofan, der im Moment wohl am meisten gefeierte Interpret in Togo, performte als absolutes Highlight zum Schluss sein Lied „Tére Téré“, das man hier zurzeit wirklich täglich überall hört. Auch das war ein echt lustiger Abend mit den Jungs und den anderen WG’s und stellte außerdem das perfekte Programm für unseren Besuch dar. 

Das Konzert :) (Foto: Lea)
Am Sonntag ließen wir es wieder etwas ruhiger angehen, beschlossen nachmittags noch einmal auf ein Spiel der togoischen Nationalmannschaft zu gehen, die an diesem Tag im selben Stadion wie letztes Mal gegen Mozambik spielten. Am 4. Oktober waren wir nämlich schon auf unserem ersten Spiel im „Stade de Kegue“, Togo gegen Uganda, wo Togo mit 1:0 gewann. Wieder gewann die togoische Mannschaft, diesmal mit 2:0, was für eine gefühlt noch ausgelassenere und bessere Stimmung im Stadion sorgte, als letztes Mal. Was hier ganz typisch im Stadion ist, sind Gruppen, die während des Spiels und auch während der Halbzeit durchgehend Musik spielen. Das sieht nicht nur wirklich cool aus, sondern sorgt zudem noch für eine super Stimmung!

Schnelles Selfie vor dem Spiel, selbstverständlich größtenteils im Togotrikot! :)

Togo gegen Uganda: 1:0
Eine der Musikgruppen direkt unter uns...

...und eine auf der anderen Stadionseite
Zum Ausklang des Wochenendes und des Sonntagsabends waren wir abends noch im Restaurant eingeladen, das der Familie von einem der Jungs hier gehört. Dort gönnten wir uns alle eine leckere Pizza und saßen nett beieinander, bevor wir an diesem Abend nach einem wirklich sehr bewegten Wochenende todmüde ins Bett fielen!

Lecker Pizza!!
Und das letzte Wochenende ließen wir dann etwas ruhiger angehen. Nach dem pâte-Essen am Freitagabend starteten wir am Samstag einen kleinen Hausputz, der ohnehin, aber besonders nach diesem Abend mal nötig war. Mit vereinten Kräften dauerte das auch nicht sonderlich lange und so blieb für den Rest des Tages noch Zeit für sonstige Erledigungen oder einfach nur Entspannen und etwas Schlaf nachholen. Abends setzten wir uns alle zusammen noch mit selbstgemachtem Popcorn und einem Laptop zu Lea und mir ins Zimmer und schauten einen Film, von dem ich leider immer noch aufgrund von Schlafmangel nur die Hälfte mitbekam. Trotzdem ein sehr entspannter Abend! Ähnlich ging es am Sonntag weiter, wir ließen uns morgens Zeit und beschlossen für den Nachmittag, einen WG-Ausflug an den Strand zu machen, an dem wir ja schon mal waren. Ganz auf togoische Art nahmen wir uns zu siebt ein Taxi; auch das ist eine Erfahrung und ein Erlebnis, das man hier einfach mal machen muss, super lustig :) !

Zwei auf dem Beifahrersitz und fünf auf der Rückbank ist zwar etwas eng, aber stellt hier absolut kein Problem dar!
Wir hatten einen schönen Nachmittag am Strand und die Wellen waren diesmal noch höher und kräftiger als letztes Mal, was das Baden fast, aber auch nur fast, unmöglich machte. Abends kochten wir noch gemeinsam und ließen den Abend wieder gemütlich ausklingen, denn das war der absolut letzte Abend, bevor alle am Montag anfangen mussten zu arbeiten, denn endlich kamen die Kinder hier am 17. Oktober auch aus den Ferien zurück und alle, die in Schulen arbeiten, können nun auch richtig anfangen!
WG-Strand-Selfie :)
Sonnenuntergang am Strand von Coco Beach
So viel zu dem wichtigsten, was in der langen Zeit passiert ist, in der ich mich nicht gemeldet habe. Ich hoffe, ich konnte euch somit wieder auf den aktuellen Stand bringen :).
Bis zum nächsten Mal sende ich euch Leserinnen und Leser alle ganz herzliche, sonnig-warme Grüße in das doch schon sehr kühle Europa,


eure Valentina

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